Wir haben heute Abend eine sehr originelle Darbietung von Faust I im Zwinger in Heidelberg gesehen:

FAUST eins

Figurentheatersolo nach Johann Wolfgang Goethe

Regie ° Michael Schwyter Beratung °

Annette Büschelberger

Figurenbau & Bühne ° Michael Schwyter

Zunächst erlebten wir eine sehr langweilige, ohne jedes Pathos oder besonderen Einfallsreichtum vorgetragene Exposition von einem jungen Interpreten, der sich hinter einer hässlichen, unförmigen, fast körperweltenartig anmutenden, gerade noch als menschliche Figur erkennbaren, puppenartigen Hohlform versteckte. Schon diese Beschreibung zeigt, dass die Puppe, die den Faust darstellt, alles oder nichts ist, eine Hohlform, beliebig zu füllen mit jedem, ein Jedermann also. Die Langeweile, die sich dem Zuschauer aufdrängt, entpuppt sich sehr schnell als Konzept. Was gibt es langweiligeres, als ein Gelehrtenleben, das sich völlig isoliert zwischen alten Wälzern abspielt. Was heißt zwischen alten Wälzern! In der Präsentation handelt es sich um Müll! Die Bühne ist gefüllt mit kitschigen Lämpche, Plastiktüten, Kinderspielzeug, wieder Plastiktüten, einer Matratze als Ausdruck verschiedenster menschlicher Grundbedürfnisse, Musikinstrumente etc. War Faust ein Messi? Oder ist der Schauspieler, der dies darbietet, ein Messi?

Natürlich ist Faust ein Messi, denn was bedeuten ihm die alten Schinken, die er angehäuft hat? Viel, aber gleichzeitig nichts, denn sie können ihn nicht erlösen. Gleichzeitig haben wir in dieser “Studierstube” ein Paradigma für die Welt. Genauso liegen überall die geistigen und materiellen Zeugnisse unserer Geschichte herum, ohne dass jemand bereit wäre, sie sich anzueignen (Das ist eine der besten Umsetzungen der Verse: Erwirb es, um es zu besitzen! die ich je gesehen habe!). Sie werden behandelt wie Müll und sind damit Müll, sie sind Stolperstein, wo sie eigentlich den Weg weisen könnten. Faust, jetzt nicht mehr gefüllt von unserem Schauspieler, der jetzt Mephisto ist, findet mühsam, getragen von Mephisto, schließlich den Weg hinaus in die Welt, in die Tat, die sich ganz deutlich hier als Illusion darstellt, denn alles ist von Mephisto geplant. Faust konsumiert die Wirklichkeit wie ein Computerspiel, gespielt von Mephisto, manipuliert von ihm, Faust bleiben nur wenige renitente oder klagenden Töne, die als eine hilflose Form von Widerstand interpretiert werden können. Faust ist nicht der Spieler! Das ist vielleicht eine Kritik, vielleicht aber auch nur eine resignierte Erkenntnis.

Was ist mit Gretchen? Die Darstellung von Gretchen möchte ich negativ kritisieren. Gretchen ist in Goethes Faust das unschuldige, nicht gelehrte Pendant zur männlichen Hauptfigur. Trotzdem ist sie ihm in moralischer Hinsicht ebenbürtig und wir wissen ja auch, dass sie es ist, die ihn am Schluss von Faust II, selbst erlöst, zur Erlösung führt. Gretchen erscheint in der Inszenierung nicht als paradigmatische Figur, sondern eher als bitch, die verführerische Merkmale trägt, sonst aber wenig hermacht. Sie ist verführt vom Gold, von Faust, schließlich ist sie Opfer (auch weil Faust in einem originellen, gleichzeitig aber auch unsäglichen Regieeinfall eine rotglühende Lampe zwischen den Beinen hat) (übrigens merkt man hier durch die Auslassung, wie wichtig die Szene in Frau Marthes Garten für die Handlung ist: Hier wird nämlich die Ernsthaftigkeit der Liebe zwischen Faust und Gretchen im direkten Kontrast zur obszönen Hinterhältigkeit zwischen Frau Marthe und Mephisto dargestellt) und weil Valentin fehlt und ihre Freundin am Brunnen, bekommt man wenig von ihr mit, bis Faust sie aus dem Kerker befreien will, schließlich aber von Mephisto weggetragen wird (in Sicherheit gebracht wird). Das fanden wir gut: die Rettung Fausts so darzustellen, dass Mephisto mit der Faust-Puppe hinten die Bühne verlässt und die Tür zumacht, das ist genial. Dada. Und für alle, die das nicht verstehen: Dada.

Unser Fazit war: Gut, dass wir diesen Faust gesehen haben.

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