Auguste: Sag mal, schaust du dir eigentlich „Romeo und Julia“ an?
Anna: Wo wird das gespielt?
Auguste: Im Bunsen.
Anna: Kommt drauf an, ob ich Zeit hab. Wann ist das denn?
Auguste: Ich glaube am fünfzehnten Juli. Warte mal, hier hab ich’s aufgeschrieben. Ja genau, Dienstag, fünfzehnter Juli.
Anna: Blöd, da kann ich nicht. Spielen die das nur einmal?
Auguste: Nein, die spielen das immer viermal, also bis zum Freitag, das ist der achtzehnte.
Anna: Dann geh ich mit. Allerdings Romeo und Julia kenn ich eigentlich schon.
Liebesschmonzette mit traurigem Ausgang. Ich mach’s mal davon abhängig, ob meine Beziehung bis dahin noch intakt ist, sonst halte ich das nicht aus.
Auguste: Na ja, Liebesschmonzette, das stimmt schon, aber das ist ja nicht alles. Immerhin gibt’s da auch Gründe, warum die Geschichte tragisch endet.
Anna: So, welche denn?
Auguste: Also erstmal sind die Familien von denen total verfeindet und dann haben die Eltern von Julia auch noch eine gute Partie für Julia ausgesucht. Fett Kohle. Deshalb haben die was dagegen, dass Julia mit ihrem Romeo glücklich wird.
Anna: Das klingt nach Mittelalter. Braucht uns ja eigentlich nicht zu interessieren. Solche Verhältnisse haben wir schon längst hinter uns. Meine Alten motzen zwar auch immer rum wegen Tobi, aber das ist mir doch egal. Ne Tragödie wird da nicht draus.
Auguste: Ein bisschen anders ist die Geschichte von Romeo und Julia schon. Es geht ja nicht um zwei wirkliche Personen. Die Welt würde sich sonst nicht für die beiden interessieren, genauso wenig wie für dich und deinen Tobi. Es geht darum, dass die Liebe gegen die Gewalt unterliegt, aber irgendwie trotzdem siegt.
Anna: Na toll, das klingt aber ziemlich abgeklatscht.
Auguste: Also ich sehe das so: Dadurch, dass Romeo und Julia sterben, kommen die, die daran schuld sind zur Vernunft und versöhnen sich, so dass letztlich die Liebe über die Gewalt siegt. Als wir mal in Verona waren, haben wir auch das Haus mit dem Balkon gesehen, wo Julia angeblich gewohnt hat. Alles Quatsch, sagt mein Vater. Trotzdem waren da unglaublich viele Leute aus der ganzen Welt und wollten das sehen. Mein Vater sagt, dass der ganze Rummel auch was mit Shakespeare und seiner Sprache zu tun hat. Irgendwie passt die zur Schönheit dieses Traumes, sagt er.
Anna: Also gut, dann lass uns zusammen hingehen. Allerdings halte ich das für eine Illusion, dass die Liebe über die Gewalt siegt, da brauchst du bloß die Zeitung aufzuschlagen. Ich bring aber auf jeden Fall Tobi mit, dann checkt der vielleicht mal was Liebe ist. Meinst du die machen das gut? Ach warte mal, ich hab ne SMS von Tobi…. Was schreibt der denn da? „Du lehrst die Fackel brennen, hell entfacht! Als hing’ sie an der Wange dieser Nacht wie an des Mohren Ohr ein edler Stein. Schönheit zu reich! Für diese Welt zu rein!“ Ganz schön abgedreht, der Knabe. So geht das andauernd. Keine Ahnung woher er das hat.
…